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16th-Apr-2015 03:37 pm - Krieg im Donbass
Ein Jahr Krieg: Eine Rückblende

Der gestrige, orthodoxe Ostersonntag war zugleich der erste Jahrestag des Bürgerkrieges im Osten
der Ukraine. Es waren letztlich sechs Tage im April 2014, die über Krieg und Frieden entschieden haben.
Vorausgegangen war den Ereignissen in den Regionen Donezk und Lugansk der Umsturz auf dem
sogenannten Euromaidan in Kiew, in dessen Ergebnis der ukrainische Präsident Janukowitsch entmachtet
wurde. Verbunden war der gemäß US-Präsident Obama von den USA initiierte Machtwechsel mit teilweise
tödlicher Gewaltanwendung gegen Unterstützer des legitimen Präsidenten, regierungstreue Polizisten und
pro-russische Kräfte. Erst im April, also fast zwei Monate nach dem Referendum auf der Halbinsel Krim und
deren Aufnahme in die Russische Föderation, griffen im Osten der Ukraine die Menschen zu den
Waffen - unter dem Eindruck der bevorstehenden Konfrontation mit einem faschistischen
Regime in Kiew.

Eine kurze Zusammenfassung der vorherigen Ereignisse: Zwischen dem 1. Dezember 2013 und dem
20. Februar 2014 verhielten sich die Menschen im Osten der Ukraine passiv gegenüber dem Staatsstreich
im Land. Sie sahen zu diesem Zeitpunkt keine Bedrohung durch die neuen Machthaber. Als Reaktion auf
die gegen die russischsprachige Bevölkerung im Osten und Südosten der Ukraine gerichteten nationalistischen
Töne und die Geschehnisse auf der Krim bildeten sich zwischen dem 21. Februar und dem 28. Februar 2014
erste aktive Widerstandsgruppen. Der 1. März 2014 ist der Geburtstag des sogenannten Russischen Frühlings.
In einer ersten Welle von Aktionen gegen die neue Kiewer Regierung wurde bis zum 5. April 2014 gewaltloser
Widerstand geleistet. Zwischen dem 6. April und dem 12. April 2014 traten neben den unbewaffneten
Widerständlern erstmals bewaffnete Selbstschutzmilizen im Donbass auf. Der gewaltfreie Widerstand
wurde als wirkungslos verworfen. Seit dem 12. April 2014 tobt der Unabhängigkeitskrieg der beiden nicht
anerkannten Volksrepubliken Donezk und Lugansk gegen die Kiewer Regierung. Mit Valeriy Bolotov und
Igor Strelkov (eigentlich Igor Girkin) versicherten sich die Widerständler zweier erfahrener Militärführer.
Weitere wichtige Führungskräfte waren die Einheimischen Pavel Gubarev in Donezk und Aleksey Mozgovoy
in Lugansk.

Einige folgende Ereignisse in dieser Übergangszeit: Nach einem Appell Valeriy Bolotovs am 5. April 2014
begann in der Ostukraine der bewaffnete Aufstand gegen die Kiewer Machthaber. Am 6. April 2014 wurden
in Donezk die Gebietsverwaltung und in Lugansk die Zentrale des Militärgeheimdienstes SBU gestürmt. Einen
Tag später wurde die SBU-Zentrale in Lugansk mit Barrikaden umgeben. Am 7. April 2014 wurde die Donezker
Volksrepublik proklamiert. Bewaffnete nahmen das SBU-Gebäude in Donezk ein. Auf die Proklamation der
Volksrepublik antwortete die Kiewer Regierung mit der sogenannten Antiterroroperation im Osten des Landes.
In den beiden Tagen des 12. und 13. April 2014 begann der Aufstand in Slavyansk und Kramatorsk. Die
Polizeistation in Kramatorsk wurde am 13. April 2014 von Kämpfern der Miliz eingenommen.

krama.jpg
Igor Strelkov und Valeriy Bolotov

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Milizionär und Protestierende in Slavyansk

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Sturm auf die Polizeistation Kramatorsk

Bis zu diesem Zeitpunkt folgten die Aktionen in den Regionen Lugansk und Donezk dem Muster des Umsturzes
auf dem ›Euromaidan‹. Friedlicher Protest schlug in bewaffnete Aktivitäten um, zusätzlich angefeuert von der
Ankündigung eines Militäreinsatzes gegen die Menschen im Donbass.

Bereits am 16. April 2014 versuchte die ukrainische 25. Luftlandebrigade, unterstützt von Kampfhubschraubern
Mi-24, die Stadt Slavyansk zu besetzen. Einwohner der Stadt stemmten sich gegen die anrückenden
Panzerfahrzeuge und versuchten sie mit den bloßen Händen zu stoppen. Einige der Soldaten wechselten
die Seiten und nahmen ihre Technik mit zur Miliz. Am 24. April 2014 konnte die Miliz an einem Checkpoint
eine nicht unerhebliche Anzahl an Waffen erbeuten. Am 2. Mai 2014 begann der Angriff der ukrainischen
Truppen auf Slavyansk mit voller Härte.

Ebenfalls am 2. Mai 2014 ereignete sich die Tragödie von Odessa. Dort versammelten sich etwa 2.500
Schläger des faschistischen ›Rechten Sektors‹ und nationalistische Fußball-Ultras, die in der Mehrheit aus
anderen Städten mit Bussen herbei gebracht wurden, und griffen das Zeltlager der Antimaidan-Aktivisten vor
dem Gewerkschaftshaus an. Viele flüchteten ins Innere des Gebäudes. Dieses wurde mit Molotow-Cocktails
in Brand gesetzt. 38 Menschen verbrannten bei lebendigen Leibe, 15 weitere erstickten und acht sprangen
in den Tod. Außerhalb des Gebäudes wurden weitere Menschen getötet und verletzt. In den folgenden Tagen
und Wochen wurde der Protest der pro-russischen Kräfte mit brutaler Gewalt niedergeschlagen.

Bis zum 2. Mai 2014 haben nur wenige Beteiligte mit einem Bürgerkrieg gerechnet. Noch im April konnte sich
kaum jemand vorstellen, dass sich aus den Zusammenstößen mit der Geheimpolizei SBU und kleineren
Schießereien an Kontrollpunkten ein richtiger Kriegszustand entwickelt. Aleksey Mozgovoy, Gründer der
ersten Lugansker Miliz, war wohl eine der wenigen Ausnahmen. Doch mit dem Erscheinen von Militäreinheiten
mit Panzern und Hubschraubern und nach ersten Luftschlägen gegen die aufständischen Ortschaften, mussten
die kleinen Garnisonen der Milizen heftigen Angriffen standhalten, unterstützt von den Einwohnern, die sich mit
bloßen Händen wehrten.

Die beiden aufständischen Gebiete konnten sich mehr oder weniger behaupten. Die kleinen Volksrepubliken
bestehen nach wie vor. Ihre Kämpfer konnten den Kiewer Truppen empfindliche Niederlagen bereiten. Die vom
ersten Tag an gezeigte Brutalität der neuen Regierung der Ukraine und ihrer Erfüllungsgehilfen sowie das
Massaker von Odessa haben die Menschen im Donbass zu den Waffen geführt.

Fast wären die beiden aufständischen Gebiete untergegangen. Doch die Operation ›Nordwind‹ erzwang den
benötigten Befreiungsschlag. Namen von Ortschaften und Stätten, wie Slavyansk und Kramatorsk, Saur-Mogila,
Pervomaisk, Spartak oder Debalcevo, künden heute von der Tapferkeit und Selbstlosigkeit der Bewohner des
Donbass, deren Widerstandskraft ungebrochen blieb. Der Opfermut der Menschen, der Zivilisten wie der Kämpfer,
deren Schmerz und Leiden, die teuer erkauften Siege und das stille Ertragen bitterer Niederlagen sind zur Seele
des lebendigen Neurussland geworden.
28th-Feb-2015 06:36 pm - Krieg im Donbass
Ewiges Gedenken

Ein Nachruf von Eliseo Bertolasi - Übersetzung von Elsa Laska

Auf dem Gebiet der Volksrepublik Lugansk wurde Evgenij Ishshenko, der Kommandant der Kosakenmiliz
und volksnahe Bürgermeister von Pervomaisk ermordet. Seine Leiche wurde am 23. Januar gefunden,
möglicherweise aber wurde er bereits am Tag zuvor ermordet. Gemeinsam mit ihm wurde auch drei russische
Volantäre getötet, die humanitäre Hilfsgüter an die Bevölkerung der Volksrepublik von Lugansk verteilten.
Diese Informationen wurden durch einen offiziellen Vertreter des Innenministerium der Republik Lugansk
bestätigt und auf LIFEnews veröffentlicht.

Laut den verfügbaren Informatioen haben Ishchenko und die Volontäre unter dem Feuer einer Aufklärungs-
und Sabotagetruppe der ukrainischen Armee den Tod gefunden. Weil er zu einer programmgemäßen
Zusammenkunft mit dem Führer der VR Lugansk, Igor Plotnizki, nicht erschienen war, begann dieser das
Schlimmste zu befürchten. Nach einem Tag ohne Nachricht von Ishchenko fand man die vier Leichen in
Ishchenkos Auto in der Nähe von Pervomaisk. Die Stadt Pervomaisk befindet sich in nächster Nähe zur
Fronlinie der Region Lugansk. In der Stadt gibt es kein einziges Gebäude mehr, das nicht vom Beschuss
der ukrainischen Armee beschädigt worden ist. Nicht zufällig also haben die Einwohner von Pervomaisk
ihrer Stadt den Spitznamen "Stalingrad des Donbass" gegeben. Dennoch, und trotz der enormen Zerstörung,
hat sich die Stadt, dank ihres Bürgermeister-Kommandanten niemals ergeben (oder auch: aufgegeben - Anm E.)
und hat versucht, weiterzuleben wie bisher.

Ishchenko war 49 Jahre alt, ein ehemaliger Minenarbeiter. Es fehlten ihm noch sechs Monate, dann hätte
er in Rente gehen können, aber mit dem Beginn der militärischen Operationen im Donbass hatte er zu
den Waffen gegriffen, um sein Land zu verteidigen.

evgenij
Evgenij Ishchenko und seine Ehefrau Olga

Wir haben uns persönlich gekannt. Mit Bestürzung und Schmerz habe ich von seinem Tod über das Internet
von verschiedenen Agenturen erfahren, die diese traurige Nachricht publizierten. Wir wissen, dass man im Krieg
sterben kann, und im Krieg im Donbass ist es sehr leicht zu sterben. Ich erinnere mich an ihn mit Stolz und Trauer.
Wir haben zusammen gegessen, einfache Gerichte, ein paar Stücke Brot mit einem Teller heißem Borschtsch,
eine Tasse Tee, und jederzeit war er bereit, hinauszugehen, um sich für tausend Dinge zu engagieren. Mehr als
ein Mal hat er mich vor die erste Linie bei den Barrikaden von Pervomaisk begleitet. Ich erinnere mich an seine
azurblauen Augen und seinen durchdringenden, lebhaften Blick, stets aufmerksam, trotz der Ermüdung durch
das anstregende Leben an der Front und die Last von so viel Verantwortung in einer Stadt, seiner Stadt, einer
bombardierten, zerstörten Stadt, eine Halbwüste, seit Monaten unter der Belagerung von seiten der ukrainischen
Armee. Aber Evgenij war unermüdlich, immer an vorderster Front, nicht nur als der tapfere kosakische
Kommandant, der die Verteidigung seiner Stadt plante und durchführte, sondern auch als Bürgermeister, um
all die zivilen Herausforderungen zu meistern: den Menschen nach den Attacken zu helfen, die Reparatur der
Wasser- und Stromleitungen zu organisieren, Suppenküchen zu eröffnen, Hilfsgüter zu verteilen, die aus
Russland ankamen und so lebensnotwendig waren, um die Zivilbevölkerung, die in der Stadt verblieben
war, am Leben zu erhalten.

Anna Khokhlova, die Leiterin des kosakischen Informationszentrums von Sverdlovsk sagt über ihn: "Für die
verbliebenen 20.000 Einwohner von Pervomaisk war Evgenij wie ein Familienvater." Im Juli, als die Kämpfe
in der Region ihren Höhepunkt hatte, wurde ihm ein Sohn geboren. Unter dem Beschuss brachte er seine Frau
ins Krankenhaus, danach in Sicherheit nach Russland, danach kehrte er unverzüglich nach Pervomaisk zurück.
In Italien spricht man häufig von "Helden", der Terminus nutzt sich langsam ab, für gewöhnlich spricht man davon
vor den Särgen der Soldaten, die für den "Export unserer Demokratie" gestorben sind, oder wenn es zu
Auseinandersetzungen unter Hooligans kam. (gemeint sind wohl Ordnungskräfte, die dabei zu Tode
kamen (?) - Anm. Elsa) Doch, wie man sagt, schafft sich jedes Volk Helden nach seinem eigenen Bild. Ich, dagegen,
spreche davon mit Trauer um einen Freund, einen außergewöhnlichen Menschen, den ich die Ehre hatte, in
meinem Leben treffen zu dürfen. Ein Mann, der alles zurückließ, um seine eigene Identität, sein Vaterland und
sein geliebtes Volk bis zum eigenen Tod zu verteidigen: "Shenja, ruhe in Frieden in dieser Erde, die du verteidigt
und so geliebt hast, dass du sein Leben für sie gabst."

Пусть земля будет пухом! (Pust’ zemlja budet pukhom!) [Möge dir die Erde leicht sein!]
11th-Feb-2015 03:02 pm - Krieg im Donbass
Aktion und Reaktion

Um es ein weiteres Mal anzumerken: Der Ostukrainekonflikt ist eine der wesentlichen Folgen des
von einem Bevölkerungsteil erzwungenen Machtwechsels in Kiew. Es waren nicht DIE Ukrainer, die
gegen die gewählten Verantwortlichen aufbegehrten, denn in diesem Sinne gibt es DIE Ukrainer
nicht. Schon immer sind ein pro-westlicher und ein pro-russischer Teil vorhanden. Beide Teile
blieben relativ friedlich (von gelegentlichen Schlägereien im Parlament abgesehen), so lange die
Orientierung in die eine oder andere Richtung offen blieb. Besonders gern wird aber beiläufig
übersehen, dass es sich bei der Absetzung des legitimen Präsidenten Janukowitsch um einen
verfassungswidrigen Akt handelte. Dabei spielte es keine rechtlich relevante Rolle, ob der legitime
Präsident sich zum Zeitpunkt seiner Absetzung in Kiew, Sewastopol oder Honolulu befand. Da der
Umsturz in der Ukraine klar auf einem Rechtsbruch beruht, ist es zumindest erlaubt zu hinterfragen,
inwiefern die nachträgliche Legitimierung einer illegitimen Regierung überhaupt zulässig ist. Diese
Frage wird allerdings mit dem Verweis auf die territoriale Integrität eines Staates vollständig beiseite
geschoben. SPON schrieb dazu in einem Artikel, der Bruch der Verfassung geschah eben »während
einer Revolution.« Dabei ist der offensichtliche Verfassungsbruch eigentlich das entscheidende
Kriterium für eine Beurteilung der Auswirkungen des weiteren Geschehens.

Fest steht: Auf beiden Seiten gab es gewaltsame und gewaltfreie Proteste und Aktionen. In Kiew
jagte man die regierungstreuen Kräfte davon, schlug Andersdenkende zusammen und zündete
Sicherheitskräfte an, in der Ost- und Südostukraine vertrieb man die Statthalter der Oligarchen
und verprügelte politische Gegner. Keinesfalls gab es jedoch einen friedlichen Machtwechsel auf
dem Maidan. Tausende Videos und Fotografien bezeugen übelste Gewaltakte bis hin zur Verwendung
von Schusswaffen. Doch die Öffentlichkeit wird niemals erfahren, wer die Heckenschützen auf dem
Euromaidan waren, wie viele Polizisten von Gewalttätern getötet oder schwer verletzt wurden, wer das
Gewerkschaftshaus in Odessa anzündete, wobei Dutzende Menschen bei lebendigem Leibe
verbrannten. Denn jedes Ergebnis einer Untersuchung würde offenbaren, wie stark die
stillschweigende Akzeptanz politischer pro-westlicher Kräfte gegenüber den faschistischen
Mordbrennern gediegen war. Häufig vor Ort: westliche Politiker und Diplomaten.


Demonstraten gegen Polizisten auf dem Euromaidan

Noch heute sehe ich einen deutschen TV-Reporter vor einem Zelt mitten auf dem Maidan, der
davon berichtete, das hinter ihm, verborgen von Zeltplanen, Molotov-Cocktails hergestellt würden,
er aber leider nicht hineingehen dürfe. Er äußerte sich in einer Weise, als würde er von einer ganz
normalen Aktivität friedfertiger Zeitgenossen berichten. Schon damals unterstützte der Westen die
Opposition gegen Janukowitsch. Gemäß US-Präsident Barack Obama war der Umsturz sogar ein
»mit unserer Hilfe herbeigeführter Putsch.«

Zu den Konflikten im Nahen Osten und in der arabischen Welt habe ich einst geschrieben, dass der
Westen dem Osten und dem Süden zugestehen müsse, einen Weg in eine gerechte und lebenswerte
Gesellschaftsform zu finden, die den jeweiligen Kulturen und Gegebenheiten entspricht. Dies gilt
besonders auch für den ›fernen Osten‹ Europas. Doch jede Manipulation, jeder erzeugte Druck von
außen, lässt bereits vorhandenes Konfliktpotential leicht überborden. In Situationen, in denen
Mehrheiten und Minderheiten sich im Umfang nur geringfügig unterscheiden, ist das Aufbegehren
starker Minderheiten, deren Interessen vollständig ignoriert werden, beinahe obligatorisch.

Die Art und Weise, mit der die neuen Machthaber in der Ukraine gegen Teile der eigenen Bevölkerung
vorgeht, ist erschreckend. Städte werden bombardiert, es erfolgt der vorsätzliche Beschuss von
Wohngebieten und die absichtliche Zerstörung der Infrastruktur, alten Menschen wurde die Rente
gestrichen, Krankenhäusern die Zufuhr an Medikamenten entzogen; der Donbass unterliegt einer
totalen Wirtschaftsblockade. So verhält sich kein Rechtsstaat, der in EU und Nato strebt, sondern eine
Despotie. Doch de facto erkennt man damit an, dass der Donbass nicht mehr zur Ukraine gehört. Was
also bleibt, sind der Durst nach Vergeltung und die Sucht nach der Zerstörung der russischen Kultur
in der Ukraine, ja jedes Leugnen einer gemeinsamen Vergangenheit. Dass der ukrainische
Ministerpräsident Jazenjuk, in dessen Wahlblock viele Faschisten und Ultranationalisten
unterkamen, die pro-russische Bevölkerung im Donbass zweimal als ›Untermenschen‹
bezeichnet hat (besonders britische Medien berichteten, deutsche nur kaum wahrnehmbar),
ohne dass es einen Aufschrei gab, spricht Bände.


Kämpfer der pro-russischen Brigade Prizrak

Nicht Donezk und Lugansk haben Kiew den Krieg erklärt, sondern umgekehrt. In einer Zeit, während
der beinahe Anarchie herrschte und jede beteiligte Gruppe ihre jeweiligen Ansprüche und Interessen
sichern wollte, reagierten die pro-westlichen Machthaber in Kiew umgehend mit einer Mobilmachung
und der Bewaffnung von Faschisten und anderer zweifelhafter ›Kämpfer‹, mit der Entsendung
gepanzerter Truppenteile und dem Einsatz von Kampfbombern. Verhandelt wurde nicht. Aus
Widerständlern wurden ›Terroristen und Banditen‹, die Polizistenmörder vom Maidan hat man
hingegen zu ›Helden‹ der Ukraine verklärt. Heute feuern diese ›Helden‹ blindwütig auf Zivilisten
im Donbass.

Nun ist ständig die Rede von der russischen Beteiligung am Bürgerkrieg im Donbass. Sicher, es
gibt sie. Der russische Präsident Putin und die überwiegende Masse der Menschen in Russland sehen
die Ukrainer als ein Brudervolk, sie unterstützen ihre Landsleute und die pro-russischen Ukrainer im
Kampf gegen eine russophobe Regierung, die sie für die Reinkarnation des Hitlerfaschismus halten.
Tun so etwas nur die Russen? Nein, gewiss nicht. Denn was hört man häufig aus den USA?: »Wenn
im Ausland eine US-Einrichtung oder ein US-Bürger geschädigt wird, reagieren wir umgehend mit
aller Härte.« Zur Umsetzung dieses Grundsatzes, den man für richtig oder falsch halten kann, starben
weltweit zahllose Schuldige und Unschuldige gleichermaßen. In dieser Hinsicht geht Putin wesentlich
behutsamer und umsichtiger vor.

Hinter vorgehaltener Hand reden einige Experten bereits über einen internen Machtkampf der
ukrainischen Oligarchen, von denen einige sich bei der Verteilung des neu gebackenen Kuchens
übergangen fühlen. Die Rede ist von einem möglichen Zerfall der Ukraine in einzelne
›Feudalherrschaften‹. Ich fürchte, der Westen würde dank seiner Wirtschaftsinteressen
sogar ein solches System einem unabhängigen Donbass vorziehen. Die Puppenspieler
hinter den verspiegelten Fassaden ihrer Glastürme wollen als Ausbeute der ›friedlichen
Revolution‹ die gesamte Ukraine verspeisen. Demokratie und Menschenrechte sind für
sie eher Nebensache.
6th-Feb-2015 10:19 am - Krieg im Donbass
Offensive ohne Charme

Die diplomatische Initiative des französischen Präsidenten Hollande und der deutschen Bundeskanzlerin
Merkel begann mit einer totalen Übertreibung. Denn Hollande sprach von der Möglichkeit eines »totalen Kriegs«
im Osten der Ukraine. Dabei hat man sich einfach nur zu sehr in seine eigenen Legenden verstrickt, besonders
hinsichtlich der russischen Beteiligung und des Einsatzes von regulären Truppen der Russischen Föderation
oder der Behauptung, die Bevölkerungsmehrheit im Donbass stünde nicht auf der pro-russischen Seite. Eine
russische Unterstützung zu leugnen, käme mir nicht in den Sinn, aber sie derart überspitzt darzustellen und die
Welt an den Rand eines möglichen, aber unwahrscheinlichen 3. Weltkriegs zu schwätzen, kann nur einer wirren
Macht- und Interessenpolitik des US-geführten ›Westens‹ geschuldet sein. Denn zumindest im ›Osten‹ will
niemand einen Krieg.

Überhaupt: Nach Bedarf immer mal wieder die Opfer des Krieges politisch zu vereinnahmen wirkt beinahe
grotesk, zumal während des sogenannten Waffenstilstands ständig in die aufständischen Städte hinein
gefeuert wurde, was zahlreiche Menschen tötete, verstümmelte und verletzte, ohne dass es im ›Westen‹
einen Aufschrei gab. Schuld waren sowieso immer die Russen. Immerhin, eine bekannte Vertreterin des
›Westens‹, Madeleine Albright, fand dermaleinst den Tod von 500.000 irakischen Kindern vertretbar, wenn
es um die Verbreitung von westlichen Werten geht. Ganz so viele wurden es zwar nicht, aber nach neuesten
Schätzungen kostete der Irakkrieg bis zu 600.000 Todesopfer. Die Nachwirkungen einer fehlgeleiteten Politik,
wie der IS-Terror, sind darin nicht mal enthalten. Und plötzlich zählen Opfer?

Der Bombenterror gegen die Zivilbevölkerung im Donbass hat nicht den erwarteten und gewünschten
Effekt gebracht: nämlich ein Umschwenken der Mehrheitsmeinung im Donbass gegen Russland und die
pro-russischen Kräfte. Noch immer wendet die Mehrheit der Bevölkerung sich nicht gegen die Milizen, in
denen man die eigenen Leute sieht, sondern es wird verlangt, dass Poroschenkos Truppen abziehen. Hier
immer wieder Einzelne zu bemühen, die dann vor einer ›westlichen‹ Kamera angeben, pro-ukrainisch zu sein
und von zwei Freunden unterstützt zu werden, aber gleichzeitig leise am Rande einzuräumen, dass
mindestens zwanzig andere Freunde eine gegenteilige Ansicht vertreten, ist albern und führt zu
verzerrten Wahrnehmungen.

Dass nun inmitten eines Krieges nicht täglich Hunderttausende fahnenschwenkend durch den
Donbass laufen, ist verständlich und mit dem Rudelverhalten des Menschen begründbar. Während
jeder Revolution (oder Konterrevolution) wird stets nur ein Anteil von maximal 20 Prozent einer
Bevölkerung persönlich aktiv, meist sogar weit weniger, doch eben dies lässt keinen Schluss auf die
Haltung der übrigen Menschen zu. Gerade auch in Deutschland entspricht mittlerweile die veröffentlichte
Meinung höchst selten der öffentlichen Meinung.

Was könnte nun am Ende der Initiative stehen? Bislang gab es solche Initiativen immer dann,
wenn Europas neuer Freund Poroschenko und seine ›Antiterror-Helden‹ in Bedrängnis gerieten.
Zeitlich ist es auch diesmal nicht anders. Die neurussischen Milizen erzielen gerade kleine Erfolge,
die ukrainische Armee ruft panisch nach Nato-Waffen. Wieder wird der russische Bär als
Schreckgespenst an die Wand gemalt und wieder müssen der ›Westen‹ und die eigentlich
arbeitslose Nato die Welt retten. Natürlich ganz uneigennützig.

slava

Was immer Frau Merkel und Herr Hollande im Gepäck haben, kann den Interessen und Forderungen
der Mehrheit im Donbass nicht gerecht werden. Hier einige Varianten und Optionen:

a) M&H werden die Beibehaltung der diplomatischen Kontakte zu Russland anstreben, ohne aber
ein konkretes Angebot unterbreiten zu können, das allen Beteiligten die Gesichtswahrung ermöglicht.
Denn jedes Interesse Russlands und der Donbass-Republiken steht den Wünschen der USA und der
EU entgegen. Kern der Gespräche wird »die territoriale Integrität der Ukraine« sein. Die pro-russischen
Kräfte lehnen eine Rückkehr in einen gemeinsamen ukrainischen Staat strikt ab.

b) Eine Option wäre das Einfrieren des Konflikts, ähnlich wie in Transnistrien. Dies würde bedeuten,
dass der Donbass in einem rechtlosen und unsicheren Status dahinschwebt. Völlig offen bliebe die
Zugehörigkeit der Krim. Nur ein Narr wird von der russischen Seite das Aufgeben der Halbinsel
erwarten.

c) Der Donbass ist wirtschaftlich gesehen das Filetstück der Ukraine. Hier ballen sich ganze Branchen,
wie der Bergbau und die Schwerindustrie. Etwa die Hälfte der Minen befinden sich in den Gebieten,
die von den Milizen kontrolliert werden. Da die Fracking-Firmen der USA bereits in den Startlöchern
stehen, wird man kaum auf den Donbass verzichten wollen.

d) Die pro-russischen Akteure werden lieber weiterkämpfen, als sich mit den gegenwärtig kontrollierten
Gebieten abspeisen zu lassen. Sie bestehen auf die beiden Regionen Donezk und Lugansk in ihren
früheren Umrissen. Die Fortsetzung des Kampfes ist für die beiden Republiken weniger riskant als
für Poroschenko, der ziemlich erfolglos agiert und den wachsenden Druck der eigenen Bevölkerung
zu spüren bekommt - aus mehreren Richtungen. Was können H&M also anbieten? Auf jeden Fall
zu wenig.

Wir sehen uns einer Remis-Situation gegenüber. Poroschenko kann nicht einfach den Donbass in die
Souveränität entlassen, ohne von seinen faschistischen und ultranationalistischen ›Freunden‹ gestürzt
zu werden, kann den Krieg aber auch nicht ewig fortsetzen, ohne die Unterstützung der friedliebenden
Ukrainer zu verlieren. Die pro-russische Seite wird sich allerdings nicht unterwerfen. Vermutlich will sie
angesichts ihrer taktischen Vorteile und Gebietszuwächse derzeitig nicht einmal über einen
Waffenstillstand reden. Denn beim letzten Versuch büßten sie einige Vorteile ein und sahen
sich anschließend einer noch größeren Übermacht gegenüber.

Was können Merkel und Hollande also bewirken? Ein wenig mehr als gar nichts, wenn es gut läuft.
Vielleicht ist eine kurze Feuerpause drin, um die Toten zu begraben. Die europäische und amerikanische
Politik zählt nichts in Donezk und Lugansk. Die Menschen dort haben ihre eigenen Vorstellungen, wohin
sie gehören und nach welchen Regeln und Werten sie leben wollen. Daran können ausländische
Regierungschefs rein gar nichts ändern. Schon gar keine mit Frau Tymoschenko befreundete
Deutsche, die mit der Nato in Richtung Russland droht und generell einen anti-russischen
Kurs fährt.

Ich kann mir nicht helfen, aber ich fürchte, manche Regenten bzw. Herrschenden stellen ihre
Ansprüche auf globale Führung über die Interessen der eigenen und anderer Völker. So sollen
bspw. die Kurden zwar den Terrorismus des IS stoppen, aber wenn es um einen eigenen Kurdenstaat
geht, werden sie umgehend enttäuscht. Manchmal frage ich mich, ob das Völkerrecht das Recht eines
Staates auf ein Volk ist, oder das Recht eines Volkes auf einen Staat - oder zumindest auf ein
unabhängiges, eigenes Verwaltungsgebiet.
31st-Jan-2015 02:45 pm - Gesichter des Donbass
Kira

Die junge Dame auf dem nachstehenden Foto heißt Kira und gehört der Miliz von Lugansk an.
Sie wurde Milizionärin, um ihr Land gegen die neo-faschistischen Eindringlinge aus Kiew zu
verteidigen, so ihre Motivation. Vor dem Krieg war sie eine begeisterte Sportlerin.

kira

Ihre Zukunft sieht Kira in den Reihen der neurussischen Armee, doch sehr viel lieber würde
sie ein friedliches Leben führen und in ihrem Spezialgebiet arbeiten: der Psychologie.

Желаю удачи, девушка!
24th-Jan-2015 03:15 pm - Krieg im Donbass
Ewiges Gedenken

Am 23. Januar 2015 tötete ein Sabotagetrupp der ukrainischen Sicherheitskräfte den Kommandanten
und Volksbürgermeister der Kleinstadt Pervomaisk, Evgeniy Ishchenko. An seiner Seite starben drei
humanitäre Helfer aus Russland bei der Verteilung von Hilfsgütern an die Zivilbevölkerung. Keiner
der vier Männer war bewaffnet.

Jewgeni Ishchenko gehörte der Kosaken-Nationalgarde an. Er war ein Sohn seiner Stadt. Er ist in
Pervomaisk geboren, hat die Stadt verteidigt und verwaltet, und er ist Pervomaisk gestorben.

evgeniy3

evgeniy2

Er war einer von denen, die Pervomaisk in den schwierigen Tagen des Sommers 2014 mit großer
Tapferkeit gegen einen überlegenen Gegner verteidigten. Wegen seiner Arbeit war er bei den
Einwohnern seiner Heimatstadt sehr beliebt. Denn stets galt seine größte Sorge der Versorgung
der Menschen mit Nahrung, Kleidung und Medizin.

Lieber Evgeniy, möge Dir die Erde leicht sein.

Вечная память.

16th-Jan-2015 01:47 pm - Gesichter des Donbass
Michail Matviyenko

Michail Matviyenko ist ein glücklicher und fröhlicher junger Mann. Als die ukrainischen Truppen
in den Donbass vorgedrungen waren, ist er sofort Mitglied der Miliz geworden und hat an vorderster
Front gekämpft - bis zu dem tragischen Moment, an dem er von einer Mine getroffen wurde. Michail
verlor beide Füße, eine Hand und ein Auge. Im Krankenhaus Donezk retteten Ärzte ihn vor dem
sicheren Tod. Seine Kameraden kümmerten sich um ihn und besuchten ihn häufig.

michailm

Vertreter der öffentlichen humanitären ›Bewegung Novorossia‹ Igor Strelkovs brachten später
den jungen Mann für die weitere Behandlung nach Rostov am Don und später nach Moskau. Dort
versuchen Augenärzte, sein verletztes Auge zu heilen. Nach dieser Behandlung erhält er moderne
Prothesen, deren Kosten ebenfalls die ›Bewegung Novorossia‹ übernehmen wird.

Es ist eine dieser Geschichten, deren Beteiligte die Grenzen zwischen ›richtig‹ und ›falsch‹ oder
›gut‹ und ›böse‹ verschwimmen lassen, in der ein im ›Westen‹ förmlich verhasster früherer
GRU-Offizier im ›Osten‹ zum Hoffnungsträger für Hunderttausende wird. Es ist die Geschichte einer
Gesellschaft, in der es tatsächlich noch Zusammenhalt und Gemeinsinn gibt, die nicht im Reden und
in Straßenfesten ihren Ausdruck findet, sondern im tagtäglichen Handeln und in einem hohen Grad
der Solidarität.

Желаю удачи, товарищ!
15th-Jan-2015 11:34 am - Krieg im Donbass
Die Tragödie von Volnovakha

VERSUCH EINER REKONSTRUKTION

Am 13. Januar 2015 ereignete sich in der Nähe des von der ukrainischen Armee kontrollierten Kontrollpostens
bei Volnovakha eine Tragödie, die 12 Tote und 16 Verletzte forderte. Beide Seiten geben sich gegenseitig die
Verantwortung für den Vorfall. Das Verteidigungsministerium in Kiew behauptet, der Bus mit den Opfern wurde
von der pro-russischen Seite mit Grad-Raketen beschossen, die Milizen sprechen zwar vom Beschuss des
Postens, weisen die Attacke auf den Bus hingegen zurück.

Aufschluss über den erfolgten Beschuss und dessen Folgen gibt ausgerechnet die Überwachungskamera
des ukrainischen Kontrollpostens. Am Ende des Beitrags kann das gesamte Video eingesehen werden, zum
Teil im Zeitraffer, aber lückenlos. Der gelbe Bus taucht erst rund 25 Minuten nach dem Feuerüberfall im Bild
auf. Doch zur Rekonstruktion des Ablaufs:

Foto 1
zeigt die Situation unmittelbar vor dem Beschuss des Kontrollpostens am 13. Januar 2014, 14:24 Uhr.
U.a. sind auf der rechten Fahrspur ein rotes und ein weißes Fahrzeug zu sehen, die im weiteren Verlauf
meiner Schilderungen als Orientierungspunkte dienen werden. Zu diesem Zeitpunkt läuft der Verkehr normal,
es gibt keine Aktivitäten der Konfliktbeteiligten.

bus1 FOTO 1

Foto 2
stellt die Situation während des Einsetzens des Beschusses der Umgebung des Kontrollpostens durch
die pro-russischen Milizen dar. Dieser erfolgt knapp eine Minute nach dem Entstehen von Foto 1. Deutlich
erkennbar sind die von den eingesetzten Grad-Raketen verursachten riesigen, kreisrunden Krater sowie
der Pulverrauch. Weiterhin zu sehen sind die beiden erwähnten roten und weißen Fahrzeuge. Sie
befinden sich in der Nähe der Einschläge.

bus2 FOTO 2

Foto 3
entstand nur 20 Sekunden nach dem Beschuss und zeigt den sich verflüchtigenden Pulverrauch. Der
Angriff dauerte nur wenige Sekunden. Weitere Salven erfolgen nicht. Das rote Fahrzeug ist bereits aus
dem Bild, das weiße hat sich ebenfalls weiter bewegt. Beide Fahrzeuge blieben also unbeschädigt.
Die Einschläge waren weit genug entfernt.

bus3 FOTO 3

Foto 4
stellt die Lage um 14:51 Uhr dar, also 26 Minuten nach dem Beschuss. Man kann die dicht beieinander
liegenden Krater beiderseits der Fahrbahn erkennen. Der Pulverrauch hat sich inzwischen verzogen.

bus4 FOTO 4

Foto 5
entstand nach dem Schwenk der Überwachungskamera um 14:52 Uhr. Erstmals sieht man den gelben
Bus. Er steht weit außerhalb der von den Milizen beschossenen Zone. In seiner Umgebung finden sich
keinerlei Anzeichen für Einschläge von Grad-Raketen, wohl aber eine geschwärzte Fläche, die auf die
Detonation eines Sprengsatzes oberhalb der Erdoberfläche hindeutet.

bus5 FOTO 5

Foto 6
entstammt einer anderen Quelle. Zu sehen sind ein Teil des Busses und der im Zentrum des vorherigen
Bildes befindliche Baum. Am linken Bildrand erkennt man zerborstene Äste eines anderen Baumes,
der gemäß anderer Quellen vollständig zerstört wurde. Hinweise auf den Einschlag einer Grad-Rakete
in der Nähe des Busses finden sich nicht. Dagegen deutet der zerstörte Baum darauf hin, dass an ihm
etwa in Hüfthöhe eine Mine vom Typ MON-50, MON-90 oder MON-100 befestigt war. Diese diente
vermutlich der Sicherung des Kontrollpostens. Wer oder was sie zur Detonation gebracht hat, ist unklar
und kann nur vor Ort ermittelt werden.

bus6 FOTO 6

Foto 7
steht in keinem Zusammenhang mit den Geschehnissen am Kontrollposten bei Volnovakha, sondern
dient dem Vergleich. Es entstand nach dem Beschuss eines Busses mit Grad-Raketen in der Stadt
Donezk. Der völlig unterschiedliche Zerstörungsgrad der beiden Busse ist nicht zu übersehen. Im
Vordergrund hat sich eine Geschosshülse metertief in den Asphalt gebohrt und mag die Wucht des
Aufpralls einer Grad-Rakete veranschaulichen.

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Erstaunlich ist die Tatsache, dass der Kameraschwenk erst 25 Minuten nach dem Feuerüberfall
erfolgte, da die Aufnahmen als Nachweis des eigentlichen Ablaufs hätten dienen können. Somit
gibt die Überwachungskamera keinerlei Aufschluss über den konkreten Zeitpunkt der Beschädigung
des Busses. Man sieht weder die Bergung der Toten und Verwundeten noch Rettungsfahrzeuge.
Entweder haben gegen 14:50 Uhr noch keine Maßnahmen eingesetzt oder sie sind zu diesem
Zeitpunkt bereits beendet gewesen.

Entsprechend der Indizienlage kann das Drama nicht die Folge des Beschusses des Kontrollpostens
durch die pro-russischen Milizen sein. Da selbst die beiden Fahrzeuge in mittelbarer Nähe der
Einschläge keinerlei Schäden erlitten haben und ihre Fahrt fortsetzen konnten, ist eine Schädigung
des Busses durch die erfolgte Attacke auf den Posten unmöglich, zumal es keine Spuren gibt, die
auf eine Beteiligung von Grad-Raketen hindeuten. Eine Verminung der Umgebung des Postens
kann indes nur durch die ukrainische Seite erfolgt sein. Weiteres bleibt abzuwarten. Aber eine
wirkliche Klärung des Vorfalls wird es aus politischen Gründen sicherlich nicht geben.

Das gesamte Video



Bittere Nachlese
Nach dem Drama brüsteten in sozialen Netzwerken Angehörige des ukrainischen ›Rechten Sektors‹
sich mit der angeblichen Tötung von zehn ›Terroristen‹ und die Gefangennahme dreier weiterer
bei Volnovakha.

Weitere Fotografien

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Das Detonationszentrum: Es gibt keinerlei Hinweis auf den Einschlag einer Grad-Rakete. Der
Holzpflock neben dem Baum trug zuvor ein Minen-Warnschild.

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Ein weiteres Warnschild vor Minen steht in unmittelbarer Nähe des Busses.

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Beide Busse wurden von der gleichen Munition getroffen? Unwahrscheinlich.
7th-Jan-2015 04:08 pm - Soldatengeschichten
Stille Nacht

KARINA BELONOG GEWIDMET

Pervomaisk, 6. Januar 2015

Heute fühlt Ksenia sich seit Monaten wieder als die hübsche junge Frau, die sie zweifelsohne ist. Sie steht
am Fenster und wartet auf drei gute Freunde, mit denen sie den Heiligabend verbringen wird. Hinter ihr spielt
Michail, der kleine Bruder des Mädchens, und unten sieht sie den Kommandanten der hiesigen Garnison,
Evgeniy Ishchenko, im angeregten Gespräch mit einigen Anwohnern. Ksenia mag den stämmigen Offizier,
besonders wegen seiner umgänglichen und hilfsbereiten Art. Zufällig blickt er zu ihr hinauf, Ksenia hebt
grüßend die Hand und der Kommandant nickt ihr freundlich zu.

Aus einer Nebenstraße kommen auch schon Ksenias Freunde Nikolai, Igor und Juri. Ishchenko sieht sie
ebenfalls und winkt sie heran, um ein paar Worte mit ihnen zu wechseln. Der Kommandant betrachtet
prüfend das Pflaster an Igors Kopf, nickt zufrieden und legt dem Bergmann kurz die Hand auf die Schulter.
Die Männer trennen sich. Ishchenko geht zu seinem Wagen, die drei Freunde setzen ihren Weg zu Ksenias
Haus fort. Das Mädchen eilt zur Wohnungstür. Sie will ihre Gäste nicht warten lassen. Im Vorbeigehen streicht
sie ihrem kleinen Bruder liebevoll über den Kopf. Er ist die ganze Familie, die sie noch hat.

Es läutet. Mit einem strahlenden Lächeln öffnet Ksenia die Tür und lässt ihre Freunde eintreten. Juri ist
zutiefst beeindruckt und bekommt weiche Knie. Er kennt Ksenia seit mehreren Monaten, aber heute sieht
er sie erstmals in feierlicher Kleidung. Mit leicht zittrigen Fingern reicht er ihr ein kleines Pappschächtelchen,
das sie überrascht entgegennimmt. Zwar haben sich die Freunde bereits am Tag vor Neujahr beschenkt.
Es sind nur Kleinigkeiten gewesen, denn niemand von ihnen bezieht derzeit ein festes Einkommen. Das
größte Geschenk hat der kleine Mischa erhalten: einen flugfähigen Spielzeughelikopter, den Nikolais
Ehefrau in ihrem ›Exil‹ in Rostov am Don beschafft hat und der mit einem der zahllosen Versorgungsfahrzeuge
sein Ziel unbeschadet erreichen konnte.

Ksenia bittet ihre Freunde ins Wohnzimmer. Ihr Brüderchen umarmt sie freudig nacheinander und
präsentiert stolz sein Geschenk, indem er es ausgelassen lachend über den Köpfen der Erwachsenen
herumfliegen lässt. Ksenia öffnet im Gehen die kleine Schachtel und findet darinnen ein goldenes
Kettchen mit einem Kreuzanhänger. Sie fragt sich erschrocken, wie Juri dieses wertvolle Schmuckstück
bezahlt hat. Igor weiß es. In den vergangenen Tagen hat er Juri mit Zigaretten ausgeholfen, denn der
junge Mann hat bei einem Kameraden seinen ganzen Tabakvorrat gegen das Präsent für Ksenia
eingetauscht. Das Mädchen umarmt Juri gerührt, die Freude überwiegt und verdrängt die Frage nach
der Bezahlung. Der Bursche war zu anständig, um es ergaunert zu haben, weiß sie.

Nikolai zündet währenddessen auf Bitten Ksenias die Wachskerzen am Christbaum an. Er schmunzelt
dabei, weil die Rotorblätter des neben ihm schwebenden Spielzeughubschraubers einige Lichter wieder
zum Erlöschen bringen und neu angezündet werden müssen. Eine weitere, größere Kerze stellt er auf
den Tisch. Er hat sie vor einiger Zeit aus der zerstörten Kirche geborgen und für einen besonderen
Anlass aufgehoben. Bevor sie sich am Tisch niederlassen, spricht der Kosak ein kurzes Gebet. Alle
bekreuzigen sich. Auch Juri, der Atheist. Er findet, dass man nur mit anderen Menschen vernünftig
zusammenleben kann, wenn man die einzelnen Befindlichkeiten wechselseitig achtet, ohne sich dabei
selbst verleugnen zu müssen.

Kaffee und Tee stehen bereit. Dazu Kleingebäck. Die Freunde haben mit viel Einsatz und Ideenreichtum
alles für die Feier Benötigte zusammengetragen. Igor zaubert aus seinem Rucksack zwei Flaschen mit
Vodka und Likör. Heute gönnt man sich ausnahmsweise einen guten Tropfen. Der Kompanieführer
Nikolai drückt beide Augen zu, denn für das Bataillon gilt striktes Alkoholverbot, das er als Vorgesetzter
durchsetzen müsste. Doch heute ist kein gewöhnlicher Tag. So lässt er sich nicht nehmen, eigenhändig
die Gläser zu füllen.

»Früher ist Papa immer mit einigen Freunden in den Wald gegangen, um einen Weihnachtsbaum
zu schlagen«, erzählt Ksenia wehmütig. »Es musste immer ein besonders großes Exemplar sein,
das bis unter die Decke reichte und prächtig geschmückt wurde.« Es klingt beinahe wie eine
Entschuldigung, dass es heute nur ein kaum meterhohes Bäumchen gibt. Igor tröstet das Mädchen
und verspricht ihr nach dem Krieg den schönsten Baum des gesamten Donbass. Ksenia lächelt wieder.
Sie bittet Juri, ihr beim Auftragen des Essens zu helfen. Als er dem Mädchen in die Küche folgt, stolpert
er beinahe über die Schwelle. Igor und Nikolai grinsen sich an. Der kleine Mischa quetscht sich zwischen
seine beiden ›Onkeln‹ und erklärt ihnen stolz die Funktionen der Fernbedienung seines Spielzeugs.
Erneut dreht der Helikopter seine Runden.

Zwölf verschiedene Speisen gibt es heute. Eine für jeden Apostel, so verlangt es die Tradition. Ksenia
muss Mischa, der nicht von seinem Helikopter ablassen kann, förmlich ein paar Häppchen aufzwingen.
Als sie nach dem Essen einen Vodka trinken, meutert der Kleine. Er möchte auch einen Vodka und
löst damit Heiterkeit aus. Doch nun quengelt er erst recht und Ksenia wird ganz still. Natürlich kann sie
ihrem kleinen Bruder keinen Alkohol geben, das ist ihr klar, aber sie ist es auch leid ihm ständig erklären
zu müssen, wofür er zu klein und zu jung war, wo er doch für diesen schrecklichen Krieg groß und alt
genug sein muss. Der Kosak Nikolai, der ihre Gedanken zu lesen scheint, nickt ihr ermutigend zu.
Ksenia holt also ein weiteres Glas, füllt es mit Mineralwasser und fügt ein paar winzige Tröpfchen
Vodka hinzu. Mischa ist stolz wie ein Zarewitsch, albert glückselig herum und stößt mit Nikolai und
Igor an. Ksenia lächelt lautlos in sich hinein.

Draußen wird es dunkel. Es ist ruhig an der Front. Auch für die Gegner ist heute ein besonderer
Tag. Außerdem gibt es in hier kaum noch etwas zum zerstören. Pervomaisk ist unter den noch
bewohnten Orten die Stadt mit den größten Schäden. Selbst der Bolzplatz zwischen den Wohnhäusern,
auf dem Mischa früher mit seinen Freunden Fußball gespielt hat, ist nur noch ein schwarzer Flecken
verbrannter Erde. Am Tisch wird heute viel geredet.

Sie schmieden einen Pakt. Sie beschließen - einfach so! - allesamt den Krieg zu überleben und
im nächsten Jahr wieder gemeinsam zu feiern, doch dann mit den Familien Igors und Nikolais. Und
sie würden die Zukunft zusammen meistern und immer füreinander da sein - wie eine Großfamilie,
die in Russland noch immer Tradition hat. »Ich werde mit Nikolai und Igor in der Mine arbeiten«, sagt
Juri konsequent zu Ksenia, »und du wirst endlich dein Studium beginnen.« Das Mädchen nickt und
erwidert nur: »Aber anschließend wirst du auch studieren.« Plötzlich ist da eine Selbstverständlichkeit
im Raum. Igor und Nikolai rempeln sich unter verschwörerischen Blicken gegenseitig an. Der kleine
Mischa weiß dank seiner kindlichen Klugheit sowieso, dass seine Schwester und Juri
zusammengehören.

Schnell verrinnt die Zeit. Der kleine Hubschrauber fliegt eine letzte Runde um den Christbaum
und setzt zur Landung an. Mischa muss endlich ins Bett, befindet seine große Schwester. Auch
die drei Männer müssen zurück in die Kaserne. Juri ist traurig, denn er wird seine Liebste nicht
so schnell wieder in einem hübschen Kleid sehen können. Kurz vor Mitternacht begeben sich die
Milizionäre auf den Weg. Dankbar für den schönen Abend umarmen sie Ksenia und Michail
herzlich. Ein weiterer Kriegstag ist an der kleinen Gemeinschaft vorbeigegangen, ohne aus
ihren Reihen ein Opfer zu verlangen. Eine kurze Zeit des gefühlten Friedens findet ihr
Ende. Morgen wird wieder Krieg sein.


Die Widmung:
Diese Geschichte ist der kleinen Karina Belonog gewidmet. Die Schülerin einer 4. Klasse hatte weniger Glück
als die Menschen, von denen ich berichtet habe. Sie wurde im Alter von neun Jahren in der Folge des Beschusses
der Stadt Gorlovka in der nicht anerkannten Volksrepublik Donezk am 19.12.2014 durch ukrainische Schrapnellsplitter
getötet. Die Mutter des Mädchens erlitt eine schwere Kopfverletzung und musste bereits zweimal operiert werden.
Ob sie jemals wieder ein normales Leben führen kann, ist mehr als fraglich.


karina
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